Das nachfolgende Referat wurde von Roman Mensing am Freitag, dem 21. Mai 2004 auf dem internationalen Nikolaus-Kongress in Vologda gehalten.  Copyright by Roman Mensing

 

Die von Konstantinopel nach Westen ausstrahlende Nikolausverehrung erreichte im 7. und. 8. Jahrhundert zunächst die zu Byzanz gehörenden Gebiete Süditaliens und den Raum Ravenna. Im 8. Jahrhundert ist die Verehrung des Heiligen von Myra auch in Rom nachgewiesen. Sie wurde dort zunächst vorwiegend getragen von der griechischen Kolonie. Im 8. Jahrhundert sind in Rom mehrere Nikolauskirchen bezeugt. Aus der Vita des Heiligen war vor allem die älteste Legende, die Rettung der Stratelaten bekannt. Die Regierung des ersten Papstes mit dem Namen Nikolaus (858-867) nach der Mitte des 9. Jahrhunderts kann als Signal gelten, dass sich die Verehrung des Heiligen südlich der Alpen etabliert hat.

Schwieriger zu klären sind, wegen der dürftigen Quellenlage, die Wege und Zeiten der Ausbreitung der Nikolausverehrung nördlich der Alpen. Dabei ist die Verehrung in Deutschland wahrscheinlich andere Wege gegangen als die Nikolausverehrung Frankreichs. Zwei Kanäle sind zu unterscheiden. Einmal haben Schriftstücke, vorwiegend Martyriologien, Kenntnis und Kult des Heiligen weitergetragen, zum anderen wurden Pilger und Migranten zu Vermittlern der Nikolausverehrung.

Karl Meisen verzeichnet in seinem Werk über „Nikolauskult und Nikolausbrauch im Abendland“[1] zwar eine interessante Reihe von Dokumenten für das 9. Jahrhundert, die die Namenskenntnis belegen; bei der Bewertung dieser Quellen wird man aber beachten müssen, dass die Nennung des Namens in einem Martyriologium zum 6. Dezember nicht mit Sicherheit als Nachweis für die Verehrung genommen werden darf. Martyriologien wurden vielfach durch Abschrift von anderen Kirchen und Klöstern übernommen, ohne dass damit unmittelbare Rückschlüsse auf die Verehrung einzelner Heiliger in den entsprechenden Kirchen gezogen werden dürfen. Aussagekräftiger sind da schon Reliquienverzeichnisse, die im Zusammenhang mit Altarweihen oder Kirchenkonsekrationen überliefert werden. Ein solches Reliquienverzeichnis gibt es aus Fulda aus dem Jahre 818. Wir werden darauf zurückzukommen haben.

Wirksamer geworden ist der andere Weg, die Verbreitung der Kenntnis des Heiligen durch Pilger und Migranten. Für die Zeit des 8. bis 10. Jahrhunderts lassen sich zwei Wellen be-obachten, von denen die letzte den entscheidenden Durchbruch brachte. Diese Wellen sind verknüpft mit den Namen der Bischöfe Willibald und Reginold von Eichstätt und der Kaiserin Theophanu. Der Weg des ersten führt über das Kloster Montecassino, Reginold lernte wahrscheinlich in Apulien oder Calabrien, während die Nikolausverehrung im Umfeld der Kaiserin Theophanu den Weg direkt von Konstantinopel über die Herrschaftszentren der Ottonen nahm. Ich will versuchen, den Stand der Forschung hinsichtlich dieser Wege der Reihe nach zu referieren.

Willibald

Eine große Wahrscheinlichkeit, frühester Ort der Nikolausverehrung nördlich der Alpen zu sein, kommt dem Bonifatiuskloster Fulda zu. In einem Gedicht auf die Weihe der Erlöserkirche des Klosters im Jahre 818 zählt Hrabanus Maurus neben zahlreichen anderen auch Reliquien des heiligen Nikolaus auf, die im Altar der Kirche niedergelegt seien[2]. Noch einmal erscheint der Name des heiligen Nikolaus im Martyriologium des Hrabanus, das in seiner Zeit als Abt von Fulda, um 840, entstand[3]. Damit ist durch die zweimalige Nennung des Heiligen die Nikolausverehrung in Fulda für die erste Hälfte des 9. Jahrhunderts bezeugt, zu einer Zeit also, für die in Rom die ersten Nikolauskirchen gesichert sind. Meisen bezweifelt, dass diese literarischen Erwähnungen in Fulda bereits auf die Existenz eines liturgischen Nikolauskultes hinweisen. Er kann ihre Herkunft aus frühen Handschriften wahrscheinlich machen, die auf eine literarische Überlieferung aus Rom oder Byzanz zurückgehen. Damit ist allerdings die Frage der Herkunft der für 818 in Fulda bezeugten Reliquien nicht erklärt. Dazu könnten die bisher wenig beachteten Itinerare beteiligter Personen Hinweise geben.

Die Vita Willibalds überliefert, dass dieser 721 eine Reise nach Rom antrat und von dort 723 weiter nach Palästina pilgerte. Auf dem Wege musste er in Patara, der Geburtsstadt des heiligen Nikolaus, überwintern[4]. Auf seinem Rückweg, drei Jahre später, hielt er sich noch einmal in Patara auf. Er lebte dann zwei Jahre als Einsiedler an der Apostelkirche in Konstantinopel. Anschließend verbrachte er zehn Jahre als Mönch in Montecassino, wo er Anteil an dem seit 718 in Gang befindlichen Wiederaufbau des Klosters hatte. In päpstlichem Auftrag kam er nach Deutschland, um Bonifatius in der Mission zu unterstützen. Dieser weihte ihn in Eichstätt zum Priester und beauftragte ihn mit der Mission im dortigen Raum. Bonifatius war es auch, der ihn im folgenden Jahr zum Bischof weihte. Von 745 bis zu seinem Lebensende wirkte Willibald als erster Bischof von Eichstätt[5]. Willibald muss persönliche Beziehungen zum Kloster Fulda gehabt haben, was für den Helfer des Bonifatius nicht verwunderlich wäre. Jedenfalls hat er dem Kloster kurz vor seinem Tode beträchtliche Schenkungen gemacht[6].

Der Name Nikolaus wird in Willibalds Vita nicht genannt. Aber es erscheint schwer vorstellbar, dass Willibald von 727-729 zwei Jahre in Konstantinopel gelebt haben sollte, ohne etwas von diesem Heiligen, der dort schon lange eine eigene Kirche hatte, gehört zu haben. Ebenso möchte man vermuten, dass er während eines Winters in Patara, das in der damals im Osten bekannten Legende von den drei Jungfrauen als Geburtsort des heiligen Nikolaus genannt wird, etwas über diesen erfahren haben muss. Auch in den folgenden zehn Jahren in Montecassino, das zu den frühen Zentren der Nikolausverehrung zählt, dürfte er diesem Heiligen begegnet sein. Ja, Willibald hat wahrscheinlich durch seine Erfahrungen selbst zu denen gehört, die beim Wiederbeginn nach den Zerstörungen durch die Langobarden, die byzantinischen Traditionen in Montecassino gepflegt haben.

Zwischen Fulda und Montecassino gibt es um die Mitte des 8. Jahrhunderts noch eine weitere personale Verbindung. Sturmius, der Gründungsabt des Klosters Fulda, hat 747 eine Weile in Rom und Montecassino gelebt, um, wie es heißt, die benediktinischen „consuetudines“ zu studieren[7].

Die angedeuteten Spuren einer frühen Nikolausverehrung in Fulda verlieren sich jedoch im Dunkel der Geschichte. Erst in einer Fuldaer Handschrift kurz vor dem Jahre 1000 taucht der Name Nikolaus in einem Martyriologium zum 6. Dezember wieder auf, anders als bei Hrabanus Maurus, jetzt als erster Name zum Tage[8]. Um 1060 schließlich erbittet sich der Abt Wicrad von Fulda von Otloh, dem Reformabt von Emmeram, eine Vita des heiligen Nikolaus[9], eine Nachricht, die dafür spricht, dass der Heilige in Fulda nicht unbekannt war, und man möglicherweise zur Feier seines Festes Lesetexte wünschte. Damit sind wir aber bereits in einer Zeit, aus der zahlreiche Nikolauspatronate in Deutschland bekannt sind.

Die Historia des Reginold

Um die Mitte des 10. Jahrhunderts tauchte in den Dom- und Klosterschulen ein bis dahin unbekannter Begriff auf: „historia“[10]. Er bezeichnete eine neue Form der Liturgie an Heiligenfesten, die angereichert mit Hymnen, Antiphonen und in Verse gesetzten Legenden musikalisch ausgestaltet war. Um diese Zeit schrieb Reginold in Eichstätt zum Fest des heiligen Nikolaus ein solches vertontes Gedicht, das ihm den Quellen zufolge die Wahl zum Bischof von Eichstätt (966 – 997)[11] eintrug.

Reginold, von adliger Geburt, Kleriker noch ohne höhere Weihen, begabt und, wie es heißt, vorbildlich lerneifrig, war durch ungewöhnliche Kenntnisse nicht nur in Latein, sondern auch in Griechisch und Hebräisch aufgefallen, die er wohl in Italien, wahrscheinlich in Apulien oder Kalabrien, erworben haben muss. Auf der Basis von Texten des Johannes Diaconus, die er in Süditalien kennengelernt hatte, verfasste und vertonte Reginold zum Nikolaustag für die Eichstätter Domschule eine liturgische Dichtung, die die Festteilnehmer aufhorchen ließ.

Wenn Reginold mit seinem Nikolausoffizium solchen Eindruck machen konnte, wird man für Eichstätt davon ausgehen dürfen, dass der Heilige im dortigen Domstift um die Mitte des 10. Jahrhunderts nicht nur bekannt war, sondern, dass sein Tag gefeiert wurde.

Die Arbeit Reginolds scheint etwas Revolutionäres an sich gehabt zu haben. Die Melodie, in Neumen angedeutet, auch in seiner späteren „historia“ zu Willibald belegt, ist bis heute nicht endgültig rekonstruiert und darum nicht sicher nachzuempfinden. Sicher ist, dass Reginolds Werk sich durch eine unerwartet eingängige, neue Musikalität auszeichnete, die bald auch in vielen anderen Dom- und Klosterschulen freudige Aufnahme fand, in einigen konservativ ausgerichteten Abteien aber auf Widerstand stieß[12]. Der Text, der „historia“ des Reginold, den Meisen noch für verloren hielt, ist nach dem amerikanischen Historiker Charles Jones in Handschriften in London und im Vatikan erhalten[13]. Während der Text unspektakulär Johannes Diakonus wiederholt, hat Reginolds Musikalität Schule gemacht. Wenn Reginold die Nikolausfeier singulär am Bischofssitz Eichstätt vorfindet, stößt man damit indirekt wieder auf Willibald, den ersten Bischof von Eichstätt, als möglichen Initiator der dortigen Nikolausverehrung.

In der Folgezeit haben besonders Benediktinerabteien der Cluniazenser Reform die neuen Melodien des Reginold angenommen, sie damit sanktioniert und zugleich der Verbreitung des Nikolauskultes gedient, zu dessen Fest sie in Eichstätt erstmals komponiert waren. Von deren Wirkung ausgehend war um das Jahr 1000 der Nikolaustag in Bayern ein im liturgischen Kalender rot eingetragener Festtag[14]. Für 1075 ist das Nikolausfest auch in Salzburg nachgewiesen. Durch die Christianisierung Ungarns (seit 1000), das dem Erzbistum Salzburg unterstand, war über die Donau ein neuer direkter Zugang nach Byzanz eröffnet worden[15], über den unmittelbar neue Nachrichten über den heiligen Nikolaus in den Südosten Deutschlands gelangen konnten. Der Reformabt Otloh von Emmeram[16] scheint davon profitiert zu haben. Er schrieb jedenfalls um 1060 zwei Nikolausviten, eine für Emmeram und eine, wie erwähnt, für Fulda. Dazu benutzte er die „historia“ des Reginold und eine griechische Vita, die er von den Grenzen der griechischen Welt bekommen haben soll. In seinen Viten überliefert Otloh die vielleicht erste im Westen neu entstandene Nikoauslegende „der Dieb“ aus dem Kloster Emmeram[17].

Charles W. Jones versucht nun nachzuweisen, dass gerade durch Reginolds zum Nikolausfest verfasstes „Reimoffizium“, wie man die Historien später nannte, die unmittelbaren Voraussetzungen für die dann auch zu anderen Heiligenfesten verbreiteten Mirakelspiele geschaffen wurden. Sie trugen zum Anwachsen neuer Legenden und zur volkstümlichen Verbreitung der Nikolausverehrung wesentlich bei.

Die Spur dazu führt nach Hildesheim. 1022 bestimmte Kaiser Heinrich II., Herzog von Bayern, seinen theologischen Ratgeber, Godehard, Abt von Kloster Altaich, als Nachfolger Bernwards zum Bischof von Hildesheim. Eine heute in London aufbewahrte Handschrift, die ausdrücklich bezeugt, Schriften Godehards aus der Hildesheimer Bibliothek[18] wiederzugeben, enthält nun Aufzeichnungen zu zwei Mirakelspielen zum Nikolausfest, der Legende von den drei Mädchen und der neuen Legende von den drei Schülern. Jones Fund scheint mir in der Tat bemerkenswert. Er zitiert den zweiten Text der Handschrift im Wortlaut[19]. Das Spiel ist in Dialogform geschrieben, Rede und Gegenrede sind den einzelnen Sprechern zugeteilt. Den sprachlich nicht anspruchsvollen Text hält Jones für das Ergebnis einer Übungsaufgabe in der Klosterschule. Er verweist auf die Bekanntheit dieser literarischen Form in Hildesheim durch die Arbeiten der Nonne Hrosvita von Gandersheim, die eine Reihe von Spielen nach dem Muster der Terentius-Komödien hinterlassen habe. Es dürfte sich bei diesem Fund um den bisher frühesten Beleg für die Schülerlegende handeln, möglicherweise sogar um den seltenen Fall der Dokumentation einer Legende in statu nascendi. Spätere, im Erzählstil verfasste Texte sind deutlich weiter ausgeschmückt.

Die Hildesheimer Schule war seit ottonischer Zeit tonangebend in Europa und nach Jones sind hier die Quellen für die Verbreitung der Schülerlegende und der Entwicklung des Schülerpatronats des verehrten Bischofs von Myra zu suchen. Erst im Laufe des 11. Jahrhunderts verlor Hildesheim seinen Vorrang an Domschulen in Frankreich, die heute zumeist als Ursprungsorte des Schülerpatronats gelten. Tatsächlich ist von Nordfrankreich her die neue Legende erst allgemein bekannt geworden. Sie hat in Frankreich alle anderen Motive der Nikolausverehrung derart überlagert, dass die drei Schüler im Fass, im Laufe der Zeit zu Säuglingen geschrumpft, dort zum kennzeichnenden Attribut des Heiligen geworden sind.

Byzantinischer Einfluss durch die Kaiserin Theophanu

Für das 10. Jahrhundert zeichnet sich in Deutschland noch einmal ein deutlicher Schub in der Nikolausverehrung ab, der seinen Weg nicht über liturgische Traditionen Roms nahm und auch nicht wie in Frankreich und Skandinavien durch normannische Seefahrer vermittelt wurde, sondern direkt von Byzanz ausging.

Noch zu Lebzeiten Kaiser Ottos des Großen wurde am 14. April 972 in Rom seinem Sohn und Mitkaiser Otto II. die byzantinische Prinzessin Theophanu angetraut und zur Mitkaiserin gekrönt. Zwar war Theophanu nicht die purpurgeborene Kaisertochter, die Otto sich für seinen Sohn zur Aufwertung des westlichen Kaisertums erhofft hatte, aber als Angehörige des byzantinischen Kaiserhauses trug sie doch den Glanz Konstantinopels ins Abendland und half, die Verbindungen zu dem fortbestehenden oströmischen Kaisertum zu vertiefen und zu festigen. Der Charme der jungen Kaiserin brachte griechische Kultur und Religiosität im Westen in Mode.

In Konstantinopel genoss Nikolaus von Myra seit dem 9. Jahrhundert nächst der Gottesmutter Maria das größte Ansehen unter allen Heiligen. Unter seinem Schutz stand selbstverständlich auch die in den fernen Westen entsandte Prinzessin. Die Quellen schweigen zwar über Theophanus persönliche Nikolausverehrung. Desto deutlicher aber sind die überlieferten Fakten. Während es zuvor im Abendland nur sehr vereinzelte Nikolauskirchen gab, sind aus den ersten Jahrzehnten nach Theophanus Hochzeit zwölf Neugründungen bekannt, denen nach der Jahrhundertwende Hunderte folgten[20]. Auf zwei dieser Gründungen, die besonders hervorragen, möchte ich noch hinweisen.

Eine einmalige Kostbarkeit aus dieser Zeit bewahrt die Johanneskirche im Aachener Stadtteil Burtscheid (am Niederrhein gelegen). Nachweislich seit dem 12. Jahrhundert[21], wahrscheinlich aber schon seit dem 10. Jahrhundert, wird hier eine byzantinische Mosaik-Ikone des heiligen Nikolaus von Myra verehrt. Kaiser Otto III. gründete dort 997, wenige Jahre nach dem Tod seiner Mutter Theophanu, ein Benediktinerkloster und berief sich dabei für die Wahl des Griechen Nikolaus zum Patron der Abtei ausdrücklich auf seine zur Hälfte griechische Abkunft[22]. Die Leitung des Klosters übertrug er dem aus byzantinischem Kulturraum stammenden Abt Gregorios von Cerchiara. In der Forschung wird – wenn auch nicht unwidersprochen – angenommen, dass die berühmte Ikone entweder aus dem Erbe Theophanus stammt oder von Abt Gregor mitgebracht wurde[23].

In der kaiserlichen Familie wurde das Erbe Theophanus bewahrt. 1024 gründete Pfalzgraf Ezzo, der Mathilde, eine Schwester Ottos III. zur Frau hatte, das Benediktinerkloster Brauweiler (westlich von Köln) und bestimmte Nikolaus zum Patron der Kirche[24]. Er scheint auch Reliquien für die Altarweihe gestiftet zu haben. Jedenfalls wird zum Jahr 1061 von einem Zahn des heiligen Nikolaus und anderen Reliquien berichtet[25]. Nikolausverehrung war mittlerweile Sache der einflußreichen Kulturträger, der Klöster und der Hofkapellen des hohen Adels geworden.

Bemerkenswert ist, dass die genannten Gründungen bis heute bestehen und die Nikolausverehrung durch alle Wechselfälle der Geschichte bewahrt haben. In Burtscheid und Brauweiler sind zwar die Klöster in der Säkularisation von 1803 aufgehoben worden, die Kirchen aber bestehen als Nikolauspfarrkirchen weiter.

Veränderungen im Nikolausbild

Die aus Emmeram stammende Legende vom Klosterdieb und eine wenig bekannte Legende die im 11. Jahrhundert im Zusammenhang mit den neuen Melodien des Reginold in Frankreich entstanden ist, machen deutlich, welche Veränderungen das Bild des Wundertäters aus Myra auf seinem Weg ins abendländische Mittelalter inzwischen erfahren hatte. Im Gegensatz zu der nüchternen Mentalität der Spätantike zeigt sich eine naive Gläubigkeit, die den Heiligen recht robust und mit wenig christlicher Milde, dafür aber mit göttlicher Souveränität auftreten lässt, merklich anders, als er in den frühen Legenden erschienen war. Nikolaus wird der Mächtige, der sich Respekt verschafft und mit Strafen drohen kann. Der Glaube an die den Reliquien innewohnende „Virtus“ lässt den Heiligen in seinen Legenden zunehmend als eine autarke Macht erscheinen, die sich ihren Klienten gegenüber als sicherer Schutz erweist, Widersachern gegenüber aber die eigene Ehre durchsetzt, ein Spiegel der Volksreligiosität der Zeit.

Die französische Legende beruft sich auf eine Begebenheit in dem Kloster La Croix-en-Brie in der Diözese Sens[26]. Dort baten die Mönche ihren Prior, Dom Ytherius, zum Nikolausfest die neuen Melodien singen zu dürfen. Dieser lehnte die unfrommen, modischen Neuerungen kompromisslos ab. Auf Vorhaltungen, alle Welt singe diese „historia“, die doch so erfüllt von geistlichem Honig sei, schickte er die Mönche zornig fort und erklärte, er werde der Abschaffung alter Riten zugunsten der Gaukelei eines weltlichen Schreibers niemals zustimmen. In der folgenden Nacht erschien ihm Nikolaus persönlich, stellte ihn zur Rede, tadelte seine Hartnäckigkeit und seinen Stolz, zog ihn an den Haaren aus dem Bett und bleute ihm mit der Rute den Rhythmus der neuen Melodien schmerzlich ein. Er drohte ihm schließlich mit weiteren Strafen wegen seiner mangelnden Verehrung und Widersetzlichkeit. Die Mönche, vom Stöhnen des Priors aufgeschreckt, fanden ihn im Morgengrauen neben seinem Bett auf dem Boden liegend. Den halb Gelähmten mussten sie in die Infirmerie tragen. Für Tage lag er in völliger Lethargie. „Schließlich, durch göttliches Erbarmen und die Fürbitte des heiligen Nikolaus wiederhergestellt, wandte er sich an den Konvent der Brüder und sagte feierlich: Wisst, meine geliebten Söhne, dass ich, nachdem ich mich geweigert hatte, euch zu folgen, wegen meiner Herzenshärte strenger Bestrafung unterworfen wurde. Nun aber stimme ich nicht nur von Herzen eurer Bitte zu, sondern will, solange ich lebe, der erste und eifrigste Sänger der Historia des großen Hirten sein.“

Zusammenfassend darf man sagen: Es zeichnen sich deutliche Wege ab, auf denen im 10. und 11. Jahrhundert, wahrscheinlich auch schon im 8. und 9. Jahrhundert, sich die Verehrung des heiligen Nikolaus nach Deutschland ausbreitete, andere Wege als sie für Frankreich und den Norden gelten. Erst im späten 11. Jahrhundert scheint der Austausch zwischen Deutschland und Frankreich zu erfolgen. Bindeglied und Austauschzentrum ist dabei wahrscheinlich Lothringen mit seinem auch schon vor der Reliquienübertragung nach Bari einsetzenden Nikolauskult in Saint Nicolas de Port.

Literaturangaben:

Anrich, Gustav, Hagios Nikolaos. Der heilige Nikolaos in der griechischen Kirche. 2 Bde. <Leipzig/Berlin 1913 u. 1917>

Baumeister, Richard u. a.: Das Bistum Eichstätt in Geschichte und Gegenwart: Heft 1, Von den Anfängen bis zum Hochmittelalter, <Straßburg 1991>

Bloch, Herbert, Monte Cassino , Byzantium, and the West in the Earlier Middle Ages. Dumbarton Oaks Papers III (1946), 163-224

Buschhausen, Helmut: Studien zur Mosaikikone mit dem Bild des hl. Nikolaus in Aachen-Burtscheid, in: Byzanz und das Abendland im 10. und 11. Jahrhundert, hg. Von Evangelos Konstantinou, <Köln u. a. 1997> 57-109

Cioffari, Gerardo, Der Hl. Nikolaus, <Bari 1990>

Cioffari, Gerardo, S. Nicola nella Critica Storica, <Bari 1987>

Grimme, Ernst Günther: Kirchenschätze der ehemaligen Abteikirche St. Johann und der Pfarrkirche St. Michael in Aachen-Burtscheid, <Aachen/Leipzig/Paris 1996>

Heiser, Lothar, Nikolaus von Myra. Heiliger der ungeteilten Christenheit, <Trier 1978>

Hugeburg von Heidenheim: Vita Willibaldi et Wynnebaldi, MGH SS  Bd. XV S. 80-117

Jones, Charles W.: Saint Nicholas of Myra, Bari, and Manhattan. Biography of a Legend, <Chicago/London 1978>

LCI (Lexikon der christlichen Ikonographie) Bd. 8 S. 45-58

LexMA (Lexikon des Mittelalters) zu den Stichwörtern: Willibald; Eichstätt; Strurmi;

LThK (Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Auflage) zum Stichwort: Reimoffizium

Meisen, Karl, Nikolauskult und Nikolausbrauch im Abendlande. Unveränderter Nachdruck der 1. Aufl. von 1931, Düsseldorf 1981

Schreiner, Peter/Tontsch, Monika: Die Abteikirche St. Nikolaus und St. Medardus in Brauweiler, <2. Aufl. Pulheim 1999>

The Glory of Byzantium. Ausstellungskatalog, New York 1997 S. 468-469

Tibus, Adolf: Gründungsgeschichte der Stifter, Pfarrkirchen Klöster und Kapellen im Bereiche des alten Bistums Münster, <Münster 1885>



[1] Düsseldorf 1931, siehe Literaturverzeichnis.

[2] Hrabani Mauri Carmina. Zitiert nach Meisen, Nikolauskult 73.

[3] Meisen, Nikolauskult 73.

[4] Hugeburg von Heidenheim: Vitae Willibaldi et Wynnebaldi, MGH SS Tom. XV Pars I pag. 93 und 101.

[5] Eichstätt 14-17; s. auch LexMA, Stichwort: Willibald.

[6] Eichstätt 17.

[7] LexMA, Stichwort: Sturmi.

[8] Cod. Vat. Lat. 3806. Zitiert nach Meisen, Nikolauskult 80.

[9] Jones, Nicholas 125.

[10] Vgl. LexMA, Stichwort: Reimoffizium.

[11] Zu Reginold s. Meisen, Nikolauskult 77-79; Jones, Nicholas 113-116; LThK zum Stichwort: Eichstätt.

[12] Vgl. Jones, Nicholas 114-119.

[13] Jones, Nicholas 115

[14] Jones, Nicholas 124f.

[15] Jones, Nicholas 125 Anm.8.

[16] Für Emmeram ist zu 1052 ein Nikolausaltar belegt; s. Meisen, Nikolauskult 86.

[17] Zum Inhalt der Legende s. Meisen, Nikolauskult 268.

[18] Jones, Nicholas 128.

[19] Jones, Nicholas 128-133

[20] Belege bei Meisen, Nikolauskult 81ff.

[21] Buschmann, Studien 57-109.

[22] Grimme, Kirchenschätze 9f; s. auch Meisen, Nikolauskult 82; desgl. Jones Nicholas 109.

[23] So Buschmann a. a. O.

[24] Meisen, Nikolauskult 83; s. auch Jones, Nicholas 110f.

[25] Meisen, Nikolauskult 86.

[26] Jones, Nicholas 116.