Nikolaos, Bischof von Myra ist Lykier, geboren in Patara, was der Stolz der Myrer eingestehen muss. Er stammt aus der anderen großen Hafenstadt des Landes, die mit Myra zum lykischen Bund gehört, aber zugleich in Konkurrenz zu Myra steht, wie bei uns heute die Hansestädte Bremen und Hamburg. Nikolaus macht Myras Namen unvergessen, wenn auch Bari die Stadt gern beerben möchte.


Mit Geld aus dem Erbe seiner Eltern bewahrt Nikolaos junge Frauen vor dem Zwang zur Prostitution, indem er für eine ausreichende Mitgift sorgt. Ort des Geschehens ist vermutlich noch Patara, wohl die Nachbarschaft seines Elternhauses. Ob es drei Schwestern waren oder vier, wie eine Fassung der Legende will, oder nur eine, ist ungewiss. Eher waren es wohl nur zwei, wie eine sehr alte Fassung der Legende weiß, die zudem behauptet, er habe das Geld seinen Eltern gestohlen, was kundige Leute an eine spätere aber bekanntere Legende von Franziskus erinnern könnte.


Was Nikolaos nach Myra treibt, ist unbekannt. Jedenfalls ist er noch Laie, als man ihn dort zum Bischof wählt. Der christlichen Minderheit in Myra ist er bekannt, der Gemeinde, dem Klerus; wenn auch die Sache mit dem frühen Kirchenbesuch vor Tagesanbruch als fromme Überhöhung erscheint. Fraglich bleibt, ob es damals, vor oder kurz nach dem Duldungserlass Konstantins, in Myra schon ein eigenes Kirchengebäude gibt.


In Myra tritt Nikolaos öffentlich kämpferisch für Hilflose und Entrechtete ein. Die Legende, die sehr genau die Örtlichkeiten der Stadt kennt und beschreibt, zeichnet ihn als temperamentvollen Streiter. Zugleich ist er der Mann, der fähig ist, diplomatisch zu vermitteln und am Ende Gnade vor Recht ergehen lässt.


Gelegentlich eines Aufstandes in Phrygien, den dort stationierte germanische Söldner angezettelt hatten, begegnet Nikolaus in Andriake, de, Hafen von Myra hohen Offizieren aus Konstantinopel. Ihre Namen stehen 336 und 338 in den Konsulatslisten. Was es auch mit den Träumen, von denen die Legende spricht, auf sich haben mag, der Bischof von Myra scheint bei ihnen einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen zu haben.


Welchen historischen Hintergrund die Legende von den Getreideschiffen hat, ist nicht zu ermitteln. Vielleicht bezieht sie sich auf eine spätere Notsituation, die gelöst wurde, wie man meint, dass Nikolaus es getan hätte. Immerhin gibt die Erzählung ein zutreffendes Bild der Örtlichkeiten und des Handelsverkehrs von Andriake. Reste des unter Kaiser Hadrian dort erbauten militärischen Versorgungsdepots stehen bis heute.


Im Sommer 325 reist Nikolaos, kaiserlicher Einladung folgend, nach Konstantinopel und weiter in die Sommerresidenz des Kaisers, nach Nizäa, zur Reichsversammlung, dem später so genannten ersten allgemeinen Konzil. Es geht um die Einheit des christlichen Glaubens, die Arius in Frage gestellt hat. Nikolaus verteidigt seinen Glauben, Jesus sei mehr als bloß ein ausgezeichneter Prophet. Er redet und handelt, auch auf die Gefahr hin, sich in Schwierigkeiten zu bringen, mag er auch gegen Arius nicht gerade handgreiflich werden, wie die Legende erzählt, energisch jedenfalls.


Befreundet ist Nikolaus mit dem Bischof Theognis von Nikaia (Nizäa), der aber der Auffassung des Arius zuneigt. In der Diskussion, in der Theognis nicht zu überzeugen ist, fallen harte Worte. Nach dem hitzigen Gespräch findet Nikolaus einen Weg der Versöhnung: Theognis gehört zu den Unterzeichnern des Glaubensbekenntnisses von Nizäa. „Lassen wir über unserem Zorn die Sonne nicht untergehen“, mit diesem Bibelwort zitiert später Andreas von Kreta den Vermittler Nikolaus.


Manche Historiker ziehen Nikolaus Anwesenheit in Nizäa in Zweifel, weil sein Name in einer Teilnehmerlist ergänzt ist. Dass die Konzilsdokumente über Nikolaus schweigen, mag allerdings auch daran liegen, dass er sich ebenso wie Theognis mit Athanasius von Alexandrien, dem großen, streitbaren Heiligen des rechten Glaubens, wenig gut versteht. Athanasius hält große Stücke auf den einflussreichen Statthalter Ablabios, einen Aufsteiger; er ist mit ihm befreundet. Nikolaus durchschaut Ablabios als Betrüger, wie die Legende weiß. Profane antike Berichte bestätigen ihn. Möglicherweise hat Nikolaus in Nizäa nicht kaum weniger bewirkt als der damals jüngere Athanasius.


In allen Küstenorten Lykiens wird damals Artemis als Patronin der Seefahrer verehrt. Eine Inschrift des Opramoas von Rhodiapolis kennzeichnet ihren Tempel in Myra als den größten und prunkvollsten, wie auch die Legende von seiner Zerstörung durch Nikolaus berichtet. Die Erzählung vom eigenhändigen Abriss veranschaulicht den zupackenden Charakter des Nikolaus, der handelt, um Menschen zu sich selbst zu befreien. Von der Härte der Auseinandersetzungen zeugt die Legende von der späten Rache der Artemis durch dämonisches Feuer.