Martin ist nach der beim heutigen Forschungsstand überwiegend vertretenen Meinung fünfundzwanzig Jahre Berufssoldat gewesen und hat unter dem römischen Kaiser Julian im Jahre 356 regulär seinen Abschied genommen. Sein Biograph, Sulpicius Severus, verschleiert das zwar in seiner „Vita“. Er erweckt den Eindruck, Martin sei nach seiner Taufe nur noch etwa zwei Jahre Soldat gewesen, weil sich zur Zeit der Abfassung der Schrift des Sulpcius die kirchliche Einschätzung des Militärdienstes gegenüber der Konstantinszeit geändert hatte.
Inzwischen hatte nämlich Papst Damasus (366-384) verboten, dass ehemalige Soldaten die Bischofsweihe empfingen, gerade kurz nachdem Martin im Jahre 371 zum Bischof von Tours erhoben worden war. Nimmt man die Überlieferung des Gregor von Tours, im 6. Jahrhundert ein Nachfolger Martins, hinzu, so wird deutlich, dass Martin seine volle Dienstzeit abgeleistet hat. Auch aus den Schilderungen des Sulpicius Severus scheinen die soldatische Prägung und die militärische Sprache Martins vielfach durch. Die Versuche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Martin als Patron der Kriegsdienstverweigerer in Anspruch zu nehmen, können sich auf die historische Gestalt nicht berufen - bei allem Respekt vor damaligen und heutigen Gewissensentscheidungen.
Solchen Respekt hat Martin zu seiner Zeit mehrfach erwiesen und würde ihn wohl auch heute erweisen. Schlagworte wie: „Aus dem Pazifisten wurde ein Krieger“, (Zwischenüberschrift in einem umfangreichen Artikel in der FAZ vom 7. 11. 2009) erscheinen darum fragwürdig.