Martin von Tours
Eine faszinierende Gestalt von ungewöhnlichem Format aus dem 4. Jahrhundert n.Chr. Reich bebilderter Band zu den historischen Spuren Martins und zu seiner Wirkungsgeschichte. Zur Zeit beim Verlag vergriffen.

Martin von Tours
Patmos, 09/2004
Buch, 96 Seiten
Preis: 16.00 € (D), 16.50 € (A),
28.60 SFr (CH)
ISBN: 3-491-70380-8
Einleitung

Sankt Martin - alle Welt kennt diesen Namen: ein Soldat, der – dramatisch genug, um alljährlich nachgespielt zu werden mit dem Schwert seinen einzig ihm verbliebenen Reitermantel durchtrennt und ihn mit einem frierenden Bettler teilt. Aber kaum jemandes Geschichte ist im Laufe der Zeit so vollständig hinter seiner Tat entschwunden wie die Martins. Es gibt diese Geschichte, und sie reicht über seinen Tod hinaus bis in die Gegenwart.

Der kurz entschlossene Soldat wurde Mönch. Die christlichen Einwohner von Tours in Frankreich wählten ihn zu ihrem Bischof, weil er nach ihrer Meinung himmlischen Schutz garantierte. Kurz vor seinem Tode besuchte ihn ein begabter römischer Schriftsteller und schrieb seine Lebensgeschichte (Vita). Über seinem Grab wurden eine Kapelle und bald eine große Kirche gebaut. Benedikt, der Begründer des westlichen Ordenswesens, wählte Martin, den soldatischen Mönch, zum Patron seines ersten Klosters auf dem Monte Cassino. Auch die Cluniazenser Klosterreform, die das Mittelalter bewegte, berief sich auf Martin. Die merowingischen und karolingischen Könige adoptierten den ehemaligen Soldaten und späteren Bischof als Nationalheiligen, weil seine Wundermacht die erfolgreichste Waffenbrüderschaft versprach. Sein halber Mantel, wundersam erhalten, im Kampf den fränkischen Heeren vorangetragen, von Generationen von Wallfahrern verehrt, prägt die Sprachen Europas. Kapellen, berühmten Kapellanen und namenlosen Kaplänen ebenso wie frommen und frechen Musikkapellen gab Martins „capella“ den Namen. Auch für die Christianisierung Ungarns erwählte König Stephan I. Martin, der eigentlich gar keine so enge Verbindung von Staat und Kirche wollte, als himmlischen Kampfgefährten und Patron. - Prominente werden für vieles in Anspruch genommen; großen Heiligen geht es nicht anders.

Sulpicius Severus war der Schriftsteller, den der gallienweite Ruf des Bischofs von Tours veranlasste, ihn in seiner Mönchsgemeinschaft Marmoutier aufzusuchen. Die Begegnung inspirierte ihn zu der bis heute erhaltenen Biografie. Der Franzose Babut, um 1910 einer der ersten, die sich der wissenschaftlichen Erforschung der Martinsgeschichte annahmen, mutmaßt zwar, Sulpicius Severus habe mit reichlich Fantasie und Propaganda den Heiligen erst geschaffen, dessen Leben er beschreibt. Er habe aus einem unbedeutenden, sogar etwas spleenigen und ziemlich unfähigen Provinzbischof eine Jahrtausendgestalt gemacht. Moderne Untersuchungen aber haben solche Behauptungen zurückgewiesen und die Einzigartigkeit Martins anerkannt. Severus überliefert gesicherte Fakten und beschreibt eine historische Person, die er persönlich gekannt hat. Seine Martinsbiografie ist allerdings eine Inszenierung, soweit hat Babut recht. Aber in Szene gesetzt ist ein realer Mensch, ein Christ von ungewöhnlichem Format, der den antiken Schriftsteller faszinierte. Weil er die Polemik einiger Zeitgenossen gegen diesen Mann unberechtigt fand, lieferte er eine perfekte Verteidigung, geschrieben mit der Wundergläubigkeit der Spätantike und aller Kunst des juristisch geschulten Redners. Wer die kleine Schrift heute liest, findet manche spannend geschriebene Begebenheit, begegnet im übrigen aber einer Gestalt von schwer verdaulicher Fremdartigkeit. Dennoch, Sulpicius Severus hat der Nachwelt den Martin geschenkt. Ohne ihn wäre auch die christliche Schlüsselgeschichte von der Teilung des Mantels vergessen. Von ihm selbst existiert nichts Schriftliches. Martin ist Symbol. Weil er aber mehr ist als nur Symbol, wirkt er auf den, der sich ihm nähert, auch befremdlich.

Zu den Rätseln dieses christlichen Bischofs gehört es auch, dass seine berühmten Zeitgenossen, mit denen einzelne seiner Bekannten nachweislich Kontakt hatten, ihn anscheinend nicht zur Kenntnis genommen haben. Ambrosius, Augustinus und Hieronymus gehören zu diesen Zeitgenossen. In den von ihnen überlieferten Briefen ist von Martin nirgendwo die Rede. Aber schon fünfzig Jahre nach seinem Tode scheint der Ruhm Martins sie alle zu überstrahlen. Die Spannung währt bis heute. Die Genannten sind durch ihre theologischen Schriften für die Glaubenslehre der Kirche unersetzlich. Sie wirken als Kirchenväter und Kirchenlehrer über alle späteren Konfessionsgrenzen hinweg bis heute. Aber keiner von ihnen hat je die Volkstümlichkeit Martins erreicht.

Heute von dem Bischof Martin von Tours zu schreiben, ist nur durch die Augen des Sulpicius Severus möglich. Wir kennen den historischen Martin fast nur durch sein Werk, hinter das wir nur sehr bedingt zurückschauen können. Es gibt darüber hinaus kaum unabhängige Quellen. Aber im Licht einer anderen Zeit leuchten in dem alten Bild andere Farben auf.

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